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Das Austria-Kino auch Kratky-Kino

Das Austria-Kino in der Hummelstraße 4

Das Austria-Kino auch Kratky-Kino genannt

aufgezeichnet von Walter Peisser und Karl Walek (2001)

 

Als im Jahre 1903 der erste Kinematograph im ehemaligen Gasthaus zur Goldenen Krone in der Wienerstraße Nr. 23 in Betrieb ging, war das der erste niederösterreichische Kinobetrieb. Hainburg hatte damit eine Pionierstellung dieser neu beginnenden Unterhaltungsbranche.

Der Gründer des Austria-Kinos war Robert Kratky aus Rajka (Ragendorf) nahe Kittsee in der heutigen Slowakei, der aus einer Gastwirtsfamilie in diesem Ort stammte.

Er ehelichte Theresia Halzl, die als neuntes von dreizehn Kindern eines Baumeisters in Ebenthal (Bezirk Gänserndorf) geboren wurde. Theresia wuchs beim Halbbruder ihrer Mutter in Modra (Slowakei) auf. Zur Hochzeit bekamen beide vom Onkel, einem reichen Bau­meister in Modra, eine Gastwirtschaft. Bevor sie in Betrieb genommen wurde, mussten sie eine Lehre im Hotel Carlton in Preßburg absolvieren. Resi als Küchenhilfe und Robert als Schankbursche. Die Gastwirtschaft wurde von beiden bis etwa 1903 betrieben.

Nachdem Robert die slowakische Sprache nicht gut be­herrschte, übernahmen beide dann das Gasthaus zur Gol­denen Krone in Hainburg beim Wienertor.

Dort richtete Robert Kratky den ersten Kinematografen von Niederösterreich ein. Durch den guten Erfolg dieses Be­triebes waren sie auch bald die ersten stolzen Besitzer des ersten Autos zwischen Wien und Preßburg – eines Tin Lizzy (Ford T) und später auch eines grünen Opel P4.

Im Jahre 1910 erbauten sie in der Hummelstraße Nr. 4 ein Haus samt Kinosaal und begannen dort mit dem Be­trieb des Austria Kinos.

Ab 1945 war Herr Strohmayer als Compagnon beim Kino­betrieb mit dabei. Robert Kratky starb 1948 und seine Frau im Juni 1968 im 90. Lebensjahr.

Bis Anfang der 1920-iger Jahre wurden – den damaligen Gegebenheiten entsprechend nur Stummfilme gezeigt, die ein Klavierspieler musikalisch untermalte. Danach folg­ten bald die ersten Tonfilme. Die Vorstellungen waren Großteils immer ausverkauft.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden in der russischen Besatzungszeit Filme aus der Ukraine mit ihren Arbeiten bei der Ernte samt lachenden Gesichtern gezeigt.

Filme wie “Die steinerne Blume” und der Zeichentrickfilm “Der Zar in der Postkutsche” waren wahre Renner in dieser Zeit, wo man auch die feschen blonden Georgierinnen mit ihren Zöpfen bewundern konnte. Weiters standen rus­sische Märchenfilme am Programm. Auch die Schulen tätigten ihre Schulausgänge in das Austria-Kino, denn die Filme sollte auch die Jugend sehen.

Das Kino selbst befand sich hinter dem heutigen Haus Hummelstraße Nr. 4 in einem heute nicht mehr existie­renden Gebäude. An der Ostseite waren die Eingänge in den Kinoraum, die Ausgänge an der Westseite, die eiser­ne Stiege zum Vorführraum war an der Südseite mon­tiert. Das Kino hatte im Unterschied zum Apollo-Kino keine Bühne und keinen Balkon, sondern nur einen gro­ßen Zuschauerraum. Für gute Luft bei der nächsten Vor­stellung sorgte immer der Billeteur, der mit einer große Spritze Duft und Erfrischung versprühte. An der Kassa, wo die Großmütter Kratky saß, wurden die Karten schon vor den Vorstellungen vielfach reserviert.

Anfang der 70-iger Jahre steuerte das traditionelle Austria-Kino – mit offizieller Bezeichnung Ton-Lichtspiele „Austria“ Inhaber A. Strohmayer u. Th. Kratky – in der Hainburger Hummelstraße seinem Ende entgegen. Das Kino schloss um ca. 5 Jahre früher seine Pforten als das Apollokino. Schließungsgründe lagen be­sonders am Besucherschwund und in der sehr schlechten Bausubstanz des Gebäudes. Das Apollokino hatte zu die­ser Zeit auch die moderneren Vorführmaschinen, die mit bis zu 48 Bildern (Austria-Kino 32 Bilder) pro Sekunde gespielt werden konnten.

Bei sogenannten “Monumentalfilmen” wie z.B. Doktor Schiwago wurden die Kopien aus Kostengründen für bei­ de Hainburger Kinobetrieb nur einmal für ein Wochenende ausgeliehen. Um einen reibungslosen Austausch der Filmrollen zu gewährleisten, waren die Beginnzeiten bei­der Kinos aufeinander abgestimmt: das Austria-Kino startete um 16 Uhr, das Apollokino um 16.30 Uhr. Ab die­sem Zeitpunkt begann der atemberaubende Transport der Filmrollen zwischen den beiden Kinos. Per Fahrrad im Rucksack wurden die Rollen ausgetauscht. Da konnte es schon vorkommen, dass durch eine kleine Tratscherei des Transporteurs die Zeit zum Einlegen der nächsten Rolle in der Kabine des Operateurs sehr knapp wurde. Fliegen­der Wechsel war hier also bei jedem Wetter angesagt, denn bei verspäteter Abgabe der Rolle hätte es eine “schöpferische Kinopause” gegeben. Das Apollokino lies oftmals die Filme – unerkennbar für den Besucher – schneller ablaufen, sodass der Filmaustausch leichter zu bewerk­stelligen war.

Für einen 90 Minuten Film bedurfte es ca. 4-5 Rollen mit je einem Durchmesser von ca. 30 cm – was eine Film­länge von etwa 400-500 Meter ergab. Eine Rolle hatte eine Abspielzeit von ca. 15-20 Minuten, dann musste schon die nächste Rolle eingelegt werden. Mit zwei Abspiel­maschinen hatte der Operateur in seiner Kabine von An­fang bis zum Ende des Films alle Hände voll zu tun, um das Kinoerlebnis für die Besucher im Saal reibungslos ab­laufen zu lassen. Vor dem Abspielen musste er auch den Film noch auf Risse und Bruchstellen überprüfen, um mögliche daraus resultierende Unterbrechungen zu ver­meiden. Vorhandene Risse wurden sofort geklebt, wobei auf die richtige Reihung der Szenen Bedacht zu nehmen war. Dann folgte das manuelle Ankurbeln des Films. Mit einem großen Stellhebel wurde der Übergang von einer auf die nächste Rolle und damit von einer auf die zweite Vorführmaschine gestartet. Das Ende einer Rolle zeigte eine Lochmarkierung am Film an, sodass durch derartige Blinksignale auf der Leinwand ein entsprechender Hinweis für den Operateur aufschien. Nun hieß es rasch wechseln, denn der Film hatte nur mehr wenige Zelluloid-Meter vor sich. Auch die Temperaturen in der Vorführkabine ließ den Operateur immer ins Schwitzen kommen, da die Vorführmaschinen entsprechende Hitze abstrahlten. Die Musik vor und nach der Vorstellung gestaltete der Opera­teur selbst mit einem – für die damalige Zeit schon histori­schen Plattenspieler.

Der Einstieg in die Vorführkabine befand sich an der Rückseite des Gebäudes und war über eine Eisenstiege erreichbar. Im Erdgeschoss standen die Vorführmaschinen sowie Gleichrichter, die für die Stromversor­gung der elektrischen Einrichtungen verantwortlich wa­ren.

Am Rande vom Saal hatte Besitzer Strohmayer, der eine dicke Hornbrille trug, seinen Sitz (am Notsitz), wo ein Klingeltaster angebracht war. Diesen benutze er bei auf­ tretenden Störung bzw. wurde diese “Klingel-Hotline” auch vom Operateur herangezogen, um den Vorstellungsbeginn “einzuläuten”.

Die Leinwand deckte ein dunkelgrüner Vorhang ab, der am Anfang der Vorstellung geöffnet wurde. Gestartet wurde immer mit Wochenschau und Werbung, wobei auch viele Hainburger Firmen mit Reklameeinschaltungen ver­treten waren.

Bis Ende der 60iger Jahre erfreute auch ein(e) Zuckerlverkäufer(in) mit Bauchladen – später gab es sie dann an der Kassa – die Besucher mit Süßigkeiten (um nachher mit dem berühmten Rascheleffekt die Filmvor­stellung zu untermalen).

In den letzten Jahren war das Kino wegen Besuchermangel oftmals tageweise geschlossen, denn die Ausleihkosten ermöglichten nur wenig attraktive Filme. Das Kino erhielt eine neue Konkurrenz – das “Patschenkino” und wurde 1970 endgültig geschlossen.

Im Jahre 1973 wurde das Gebäude des Austria-Kinos ver­kauft und bald danach geschliffen. Damit war ein alte ein­ gesessener Kinobetrieb nach 60 Jahren dem m dieser Zeit neu aufkeimendem Fernsehen zum Opfer gefallen.

Walter Peisser war nach Peter Stary Ende der 60-iger bis Anfang der 70-iger Jahre der letzte Operateur des Kinos.

Noch heute befinden sich im Warteraum der dort befind­lichen Arztpraxis einige gepolsterte Kinositze als letztes Überbleibsel dieses einst so beliebten Hainburger Unterhaltungsbetriebes. (Stand 2001, das Haus ist seit mehreren Jahren in Privatbesitz und keine Arztpraxis mehr)