Das Ungartor
Von MMag. Ronald Woldron aus seinem Buch „Die Stadtbefestigung von Hainburg an der Donau – Ein bauhistorisches Bilderbuch“
Das Ungartor wurde in einer rund 50 m großen Baulücke der spätromanischen Stadtmauer errichtet. Wie die entsprechenden Baufugen zeigen, entstand die Baulücke nicht erst durch ein nachträgliches Ausbrechen. Sie wurde bereits im Zuge der Errichtung der Stadtmauer offengehalten, um später die Baustelle des Torbaus einrichten zu können.
Die Bauphasen der älteren Stadtmauerteile und des Ungartors müssen zeitlich nicht weit auseinander liegen. Ein auffälliges Steinmetzzeichen des Ungartors findet sich wiederholt an Werksteinen des bergseitig stehenden Turms IV. Dessen Portalgewände verweisen wiederum auf das beim Turm III situierte Zwingerportal. Zudem ist ein weiteres Steinmetzzeichen des Ungartors am Turm I (Wasserturm) sowie an einem zwischen den Türmen II und III situierten Zwingerportal vorhanden. Hervorzuheben ist die hohe Anzahl an Steinmetzzeichen, die an den Werksteinen des Ungartores eingearbeitet sind: Mehr als 30 Steinmetze waren an der Baustelle beteiligt.
Seine heutige blockhafte Gestalt erhielt das Ungartor erst in einer zweiten Bauphase, die spätestens um 1260/1270 erfolgte. Bis dahin bestand das Torensemble aus einem rund 10,7 x 10,7 m großen Turm mit seitlich anschließender Torhalle. Die beiden Bauteile wurden durch flächige Buckelquaderschalen optisch zusammengefasst, wobei die Torhalle nur an den zwei Schauseiten mit Buckelquadern versehen wurde. Es handelt sich vielfach um Rohbuckelquader, doch treten auch andere Formen mit plattenartigen oder sorgfältig gerundeten Buckeln auf. Unter anderem stellen die Keilsteine des Torbogens mit ihrer feinen, meist kissenartigen Zurichtung eine subtile optische Differenzierung her. An einigen Werksteinen lässt sich die Wiederverwendung von römischem Baumaterial erkennen.
Turm und Torbau besitzen auf Höhe der Torhalle rund 2,8 m starke Mauern. Der Zugang in den Turm erfolgte von Süden, durch ein rechteckiges Portal mit Buckelquadergewände, zu dem eine gleichzeitig mit der Stadtmauer errichtete, gemauerte Stiege führte. Der Belichtung des Zugangsgeschoßes und des oberen Turmgeschoßes dienten Schlitzscharten. Nur die feldseitige Schlitzscharte des Zugangsgeschoßes (lichte Weite 14,5 x 145 cm) ist außen zart gefast.
Am Torbau selbst fällt die repräsentative Dimensionierung der beiden Torbögen auf. Sie sind mit schrägen Sockel- und Kämpfergesimsen gestaltet, rund 4,9 m weit und – bezogen auf das heutige Begehungsniveau – rund 5,6 m hoch. Führungen in der Quaderung des äußeren Torbogens verweisen auf die bauzeitliche Ausstattung mit einem Fallgitter. Nordseitig zeigen vermauerte Zinnenreste die ursprüngliche Höhe des Torbaus an. Der mittlere, 226 cm breite und 118 cm hoch erhaltene Zinnenrest besitzt eine Schlitzscharte (lichte Weite 7 x 56 cm). Er ist von den benachbarten Zinnenresten durch 59 und 65 cm weite Lücken getrennt.
Mauertechnik, Steinmetzzeichen, Gestaltung sowie relative Bauabfolge unterstützen eine Bauzeit in den späten 1220er oder in den 1230er Jahren. Nach der weitgehenden Fertigstellung von Turm und Torhalle wurde die Baulücke durch das Errichten der noch fehlenden Stadtmauerteile geschlossen. In den nördlichen Stadtmauerteil wurde dabei – rund 12 m vom Torbau entfernt – ein Zwingerportal eingefügt. Der spätromanische Zwinger dürfte daher bis an das Ungartor geführt haben. Offen ist, ob der Turm mit seinen drei Geschoßen auf die vor- gesehene Höhe gebracht war. Zinnenreste sind an ihm nicht erhalten.
Spätestens in den 1260-er Jahren wurde das Ungartor erhöht und baukörperlich vereinheitlicht. Dabei kamen oberhalb der Tordurchfahrt auch Buckelquader zum Einsatz, die aber keine Steinmetzzeichen aufweisen. Sie ergänzten die Buckelquaderschale des Turmes und ermöglichten die Durchsetzung eines neuen architektonischen Konzepts, das an der Stelle des differenzierten Turm-Tor-Ensembles einen blockhaften, einheitlichen Baukörper vorsah. Die in der Torhalle erkennbaren Ansätze eines Rippengewölbes könnten bereits auf diese Bauphase zurückgehen.
Das oberhalb der Buckelquader ansetzende, obere Wehrgeschoß besteht aus Bruchsteinmauerwerk, das lagige Strukturen sowie niedere Kompartimente erkennen lässt. Feldseitig war des Wehrgeschoß mit einem rund 8 m langen, hölzernen Außenwehrgang ausgestattet, der die Tordurchfahrt schützen sollte. Ein beschädigter Konsolstein verweist auf die zugehörige Dachkonstruktion. Nach der Aufgabe dieses Außenwehrgangs wurde der auf ihn führende Ausgang abgemauert. Die erhaltenen Balkenreste des Wehrgangs lieferten keine dendrochronologische Datierung. Daher konnte die nahe liegende Annahme, dass das Ungartor gleichzeitig mit dem in den 1260er Jahren erhöhten Wienertor ausgebaut wurde, nicht naturwissenschaftlich bestätigt werden. Ein früherer Ausbau um 1250 wäre gleichfalls denkbar.
Südseitig erhielt das neue Wehrgeschoß einen Abtritterker. Eine ihm benachbarte, mittig in der Mauer situierte Entwässerungsrinne diente vermutlich auch der Ableitung von Regenwasser. Es könnte eine flache Dachkonstruktion mit Nord-Süd-verlaufendem Graben bestanden haben. Reste von Konsolsteinen an den Innenwänden dokumentieren den Übergang des Wehrgeschoßes zur Wehrplattform. In die Konsolsteine waren ehemals Streichbalken eingelegt. Die originale Höhe des ausgebauten Ungartors kann an den vermauerten, bauzeitlichen Zinnen abgelesen werden, die an der Nordseite am besten erhalten sind.
Erst nachträglich wurde das obere Wehrgeschoß südseitig über ein rechteckiges Fenster mit gefastem Werksteingewände belichtet. Es kann stilistisch noch dem 14. Jahrhundert an- gehören. Ein stadtseitiger, oberhalb der Tordurchfahrt vorspringender Wehrerker zählt – wie die Gestaltung der Kragsteine erkennen lässt – zur spätgotischen Bautätigkeit. Gleiches gilt für die Reste des um 1470/1520 errichteten Torzwingers, der dem Ungartor feldseitig vorgelegt war. Von ihm ist die Nordmauer mit dem Ansatz der Tormauer erhalten. Drei schlitzförmige Schießscharten waren mit großen Schießkammern ausgestattet, deren profilierte Stichbögen einen hohen repräsentativen Anspruch verraten. Die Werksteine der Stichbögen weisen Hebelöcher auf. Im Bereich des Ansatzes der ehemaligen Tormauer ist eine zusätzliche Schlüsselscharte eingefügt. Die Kante des Torzwingers wurde von den Bauleuten pfeilerartig ausgebildet, wobei die Werksteine teilweise Steinmetzzeichen in spätgotischer Ausprägung zeigen.
Dem wirtschaftlichen Niedergang Hainburgs entsprechend hat die neuzeitliche Bautätigkeit nicht mehr prägend in die Gestalt des Torbaus eingegriffen. Wie das Wienertor ist daher auch das Ungartor weitgehend unverfälscht als erstrangiges Denkmal mittelalterlicher Bau- und Befestigungskunst erhalten geblieben. Das nachträgliche Ziegelgewölbe der Torhalle kann nicht genau datiert werden. Das Fallgitter, die Winde und die Torblätter dürften dem ausgehenden 17. oder 18. Jahrhundert angehören.




