Doppelmord in Hainburg
Aus dem Bezirksboten erschienen am 30. April 1899
Das Haus Nr. 79 in Hainburg – so mochte man wohl glauben – musste im Jahre 1851 das sicherste des Ortes sein. Im rückwärtigen Trakt befand sich die Gendarmerie Kaserne, im oberen Stockwerk war die Amtsstube des politischen Bezirkskommissärs Ritter v. Siemanowski; gegenüber lag die Hauptwache. Und doch war dieses Haus der Schauplatz eines blutigen Verbrechens, dessen vollständige Aufklärung wohl niemals gelingen wird. ……
Im Erdgeschoss des genannten Hauses wohnte der Kaufmann Leopold Partl mit seinem gleichnamigen zwanzigjährigen Sohn. Der alte Partl war Witwer, seine Tochter hatte nach einem heftigen Streit mit ihrem Bruder das Haus verlassen und in Wien Dienst genommen. Poldi Partl war seit seiner Kindheit ein „Nichtsnutz“. In der Hainburger Schule war er der Schrecken des Lehrers, der Wiener Kaufmann Alois Pausewein jagte ihn nach vier Monaten aus der Lehre fort, als Finanzwachmann verleitete er im Jahre 1850 den Lehrjungen eines Geschäftsmannes in Schwadorf zum Diebstahl, was erst später entdeckt wurde. Dann im Mai 1851quitierte Poldi den Dienst und kehrt als Commis in das Geschäft seines Vaters zurück. Der alte Leopold Partl hing mit der zähen Hartnäckigkeit eines Greises am Gelde. Seinem Sohn setzte er bloß ein kleines Wochengeld aus. Als er erfuhr, dass Poldi mit einem armen, jedoch anständigen Mädchen, Barbara Rößler, die mit ihrer Mutter und ihren Schwestern Amalie und Therese in der Nachbarschaft wohnte, sich heimlich verlobt hatte, kam es im Hause zu heftigen Auftritten. Doch was war dies im Vergleich zu dem, was in die nächsten Monate bringen sollte.
Mit dem alten Partl pflog der Handelsmann Elkau Straßer aus Kittsee (Wieselburger Komitat) regen Geschäftsverkehr. Am Stephanie Tage, 26. Dezember, des Jahres 1851 war Straßer mit seinem sechzehnjährigen Sohn Nathan wieder nach Hainburg gefahren. Der Fuhrmann Workowitsch, der sie hätte zurückführen sollen, wartete viele Stunden vergeblich auf sie. Dann fuhr er allein nach Haus.
Die beiden Handelsleute hat niemand mehr lebend gesehen. Ihr Verschwinden wurde von den Angehörigen dem Bezirkskommissär angezeigt. Dieser schöpfte sofort gegen den jungen Partl Verdacht, um so mehr, als der Jungschlächter Woschuiak aus Hundsheim bezeugt, daß er die beiden Vermissten in Partl´s Haus habe eintreten sehen. Das Gewölbelokale wurde am 27. Dezember durchsucht und man fand einen Schrank mit blutiger Erde gefüllt. In einer anstoßenden Kammer fand man die Leichen der Vermissten vergraben.
Bis hierher hatte der Kriminalfall, bei aller Schrecklichkeit der Tat, nichts Geheimnisvolles an sich.
Als die behördliche Commission auf die Leichen stieß, stürmte Partl aus dem Lokal, rannte spornstreichs zu seiner Braut, ohne zu ahnen, dass deren Wohnung in Folge Auftrages des Bezirkskommissärs bewacht war. Die Gendarmen hörten, als sie sogleich nach Partl ins Zimmer traten, wie er dem Mädchen zurief: „Ich bin verloren! Ich habe den Vater retten wollen! Ich habe die Juden erschlagen.“
Poldi Partl wurde festgenommen. Der alte Partl schien tief erschüttert. Er schrieb an seine Tochter einen Brief, in welchem er sie auffordert, am 29. nach Hainburg zu kommen. Aber bereits am 28. Dezember weilte Partl nicht mehr unter den Lebenden. Er war unter derartigen Symptomen gestorben, dass man annahm, er sei plötzlich der Cholera erlegen. Kurz vor dem so plötzlichen erfolgten Tode des alten Mannes waren aus Bruck der Staatsanwalt Josef Löschnig und der Assessor Adolf Gall in Hainburg angekommen. Die Leichen der Ermordeten wurden nun gänzlich ausgegraben. Hiebei waren anwesend als Sachverständige Bezirks-Physicus Dr. Knolz, Dr. Kreuzinger und Wundarzt Avesny, ferner als Zeugen die Herren Constantin Dasmette und Franz Eduard Mertens. Man konstatierte, dass die Unglücklichen durch Beilhiebe und zahlreiche Messerstiche getötet worden waren. Die Taschen ihrer Kleider waren umgekehrt.
Poldi Partl hatte gleich nach seiner Verhaftung gestanden, er habe die beiden Handelsleute ermordet und beraubt, das geraubte Geld aber, als er zur Braut eilte, auf dem Klosterplatz weggeworfen. Als er den plötzlichen Tod seines Vaters erfuhr, widerrief er sein Geständnis. Er sagte, er habe seinen Vater schonen wollen, denn der alte Partl sei der alleinige Täter gewesen, er selbst habe bloß die Leichen vergraben. Poldi Partl erzählte weiters, dass es das Geld Straßers nie in Händen gehabt habe.
Nun folgte ein seltsames Intermezzo. Der Totengräber Gabriel L., sowie sein Gehilfe Mathais W., welche den Leichnam des angeblich an der Cholera verstorbenen alten Partl zu waschen hatten, stahlen dessen Kleider. Dies wurde entdeckt, das gestohlene Gut konfisziert und da fanden sich in dem Beinkleide des alten Partl achthundert Gulden in Banknoten; weiter wurde in einem Wäschekasten 250 Gulden gefunden. Ein ebenfalls vom Raubmord herrührender Siegelring war in einer Wanduhr verborgen.
Das Gericht hoffte, durch die Einvernahme der Barbara Rößler vollständige Klarheit in den Fall zu bringen. Aber das Mädchen war aus Hainburg verschwunden. Sie blieb verschollen.
Drei Wochen nach seiner Verhaftung ließ sich Poldi Partl den Richter vorführen. Er bat, dem Kaiser vorgeführt zu werden, da er eine den Monarchen, den Staat und mehrere tausend Personen betreffende Enthüllung zu machen habe. Es handle sich um ein drohendes Verbrechen. Die selbstverständliche Antwort des Richters lautete: „Sie stehen vor einem Gericht des Kaisers, und hier ist die Stelle, wo Sie etwas zu sagen haben.“ Nach dieser Antwort bewahrte Poldi Partl über diesen Gegenstand hartnäckiges Schweigen. Ebenso hartnäckig blieb er dabei, nicht der eigentliche Täter zu sein. Am 4. August 1852 wurde Poldi Partl vom Landesgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Er hatte nach seinen eigenen Angaben den Tod verdient und den jungen Straßer, als dieser in die Kammer treten wollte, wo sein Vater angeblich durch den alten Partl getötet worden war, nicht gewarnt und dem sicheren Tode ausgeliefert.
Der kaum einundzwanzigjährige Verbrecher wurde am 28. November 1852 bei der Spinnerin am Kreuz justifiziert. Vergeblich hatte er ein Begnadigungsgesuch eingereicht, vergebens, auch in wahnsinniger Angst sich im Kerker die Halsschlagadern aufzuschneiden versucht und dann den Verband abgerissen. Bis zu seinem letzten Atemzuge beharrte er jedoch auf der fürchterlichen Angabe, dass sein mehr als siebzigjähriger Vater aus Habsucht und Furcht vor Bankrott den Doppelmord geplant und ausgeführt, und dass er selbst bloß Mithilfe geleistet habe.
Quelle: Stadtmuseum Hainburg
Zeitungsartikel der in der ersten Nummer des BEZIRKSBOTEN vom 30. April 1899 erschienen ist.




